Es gibt ein literarisches Zitat, in dem alles in diesem Thema enthalten ist:

„Man soll das verlangen, was man bekommen kann“

                                                                                        Der Kleine Prinz

Kürzlich hat mir  eine Mutter gesagt: „Ich weiß nicht warum Leute, die Kinder haben wollen, bereiten sich darauf nicht besser vor? Ich stellte mir meine glückliche Familie sehr oft anders vor. Jetzt, mein Kind geht mir auf die Nerven und obwohl ich ihn sehr liebe, habe manchmal genug“. Solche Worte sind tägliches Brot in meinem Beruf. Sie sind tägliches Brot in verschiedenen Versionen, aber alle sagen eines: Irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt“.

Und hier steckt das Schlüsselwort: Vorstellungen, eigentlich zwei Wörter (zwischen den Zeilen): Erwartungen. Zwei Dinge, die die Kommunikation in der Familie weitgehend beeinflussen. Jeder von uns hat Erwartungen. Man kann sie nicht loswerfen und nicht alle kontrollieren. Einige sind im Kopf unbewusst kodiert.

Was für eine?

Stell dir vor, du triffst mich auf der Straße und lächelst mich an. Du erwartest wahrscheinlich, dass ich auch dich anlächeln werde. Es ist völlig natürlich. An den Erwartungen (die bewusst und unbewusst sind) ist grundsätzlich nichts Schlimmes. Ist es aber viel leichter mit der Welt und Familie klar zu kommen, wenn wir sie kennen, verstehen und bewusst mit ihnen umgehen. Wir, in unserem Kopf.

Was würdest du denken, wenn ich dich nicht anlächle? Was würdest du zuerst denken? Es wäre wahrscheinlich: „sie spitzt die Nase“ oder sie schreibt gut, aber face to face eher unhöflich“. Würdest du mich das nächste Mal wieder anlächeln oder nicht mehr? Wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, fühlen wir automatisch Enttäuschung, Wut, Trauer. Es sind natürliche Emotionen und man kann sehr gut mit ihnen umgehen. Nun, die ganze Kunst ist sie rechtzeitig zu erkennen. Natürlich, wenn man länger darüber nachdenkt, wird er zu dem Schluss kommen: Wahrscheinlich lächelte sie mich nicht an weil… sie hat einen schlechten Tag? Ist krank? Vielleicht hat sie mich nicht gesehen? Oder hat sie zwei herausgerissene Zähne vorne und will jetzt nicht lächeln?“. Du würdest sicherlich ein Argument für meine Verteidigung finden. Wenn du nur suchen willst. Das ist das ganze Kommunikation Puzzle – zum Trainieren.

Benimm dich irgendwie

Ebenso funktionieren Erwartungen, die an unsere Kinder und Angehörige gerichtet sind. Wir haben sie irgendwo im Kopf. Oft halten wir uns an denen so fest obwohl manchmal sind es Stereotypen. Deswegen ist es schwierig für uns miteinander klar zu kommen. Stell dir vor, du bist wieder schwanger. Du hast schon ein Kind und bald erscheint ein Bruder oder eine Schwester. Ich nehme an, du bist glücklich und erwartest, dass der Rest der Familie auch glücklich wird. Ich werde mich darauf konzentrieren, was im Kopf eines Erwachsenen (Elternteil) vor sich geht, der seine Erwartungen auf das Kind überträgt.

Genauso ist es in vielen Situationen. Ich bleibe aber kurz bei diesem neuen Geschwister. Nehmen wir an, dass ihr alle sehr glücklich seid. Du hast alles getan um dein Kind auf Baby vorbereiten. Da waren Brüder Geschichten und Erklärungen. Plötzlich stellt sich heraus, dass al diese Dinge nichts gegeben haben. Das ältere Kind ist eifersüchtig, verlangt Aufmerksamkeit, regt sich auf wenn du Baby fütterst. Außerdem will er in einer Baby Badewanne gebadet sein, Popo pudern und Windeln wechseln, die er lange nicht mehr trägt.

Was ist schiefgelaufen?

Es geht um die Erwartungen von Erwachsenen: „Jetzt bist du ein älterer Bruder, benimm dich wie ein älterer Brüder“. Was denkst du, wenn du „älterer Brüder“ sagst. Was denkst du zuerst? Welches verhalten? Welche Worte?

Wahrscheinlich hat jeder verschiedene Vorstellungen, aber verallgemeinernd: ein älterer Brüder sollte mehr können, verstehen, unabhängiger sein usw. Wenn du das Kind nach dem gleichen fragst, wird er dasselbe sagen. Bedenke aber eine Sache: das Kind kann kein älterer Bruder sein. Er muss es trainieren, weil es eine völlig  neue Aufgabe ist. Deine Erwartungen und seine Fähigkeiten sind zwei getrennte Welten.

Auf der einen Seite haben wir Erwartungen (als Erwachsenen) und auf der anderen Seite ein Kind, das gestern noch kein älterer Bruder war. Er war dein Baby, ein Einzelkind. Für ihn hat sich in der Nacht, in der du Entbunden hast, nichts geändert. In seinem Kopf ist er immer noch (er will sein) dein Baby und das ist seine Erwartung. Du bist nach Hause gekommen und bist Mutter von zwei Kinder. Eure Erwartungen sind wieder wie zwei verschiedene Welten. Ich sage nicht, dass es immer so bleibt. Wahrscheinlich für einen Moment, bevor er lernt, ein Bruder zu sein. Kinder haben auch ihre Erwartungen: wollen Mama immer nahe haben, Zeit zu spielen haben, sie erwarten, dass der Spaziergang angenehm wird usw. Wenn etwas nicht so läuft wie sie wollen, fühlen genau das was alle fühlen: Enttäuschung und Traurigkeit. Kinder zeigen es aber anders als Erwachsene. Umgang mit diesem Gefühl ist ein Element des menschlichen Lebens. Es gibt keine Menschen auf der Welt, deren Erwartungen immer mit Realität einhergehen. Das lernen wir in der Pubertät.

Du bist ein Vorschüler

Gleiches gilt für viele Situationen im Familienleben. Wenn das Kind in den Kindergarten geht, wird es, im Kopf eines Erwachsenen, ein Vorschüler. Was denkst du genau, wenn du diese Wort Vorschüler sagst? Vielleicht so etwas: unabhängig, wortreich, spielt gerne mit anderen Kinder. Es ist wieder ein Erwachsenenbild. Ein 3-jähriges Kind, der am ersten Kindergartentag aufwacht, denkt nicht so. Vielleicht kennt er die Theorie und gefragt wird er antworten: „Ja, jetzt bin ich Vorschulkind“. Es ist aber nur ein Wort. Das Kind braucht Zeit, um zu lernen, ein Vorschüler zu sein und möglicherweise (weil auch nicht unbedingt) sich in das anzupassen was wir Erwachsene meinen.

Ein anderes Beispiel ist aufräumen des Kinderzimmers. Unsere Erwartungen bezüglich des sauberen Zimmers haben meist nichts mit Vorstellungen des Kindes zu tun. Es geht nicht darum, dass das Kind nicht weiß, wie saubere, ordentliche Zimmer aussehen soll. Es hat nur eine andere Vorstellung davon.

Jetzt verstehe ich

Es gibt Situationen, in denen wir als strenge Eltern bezeichnet werden. Es ist oft nicht ganz klar, ob wir (negativ) streng oder (positiv) konsequent sind? Eines der Beispiele war, das Kind zur gleichen Zeit ins Bett zu legen. Eine Mutter erzählte, dass sie hat erst als ein Elternteil verstanden und geschätzt, warum ihre Eltern haben sie immer um 19.00 Uhr schlafen gelegt. Als 6-jährige hatte sie deswegen Groll. Seit sie selber Mutter ist, sieht auch dieser Sachen anders. Und genau das sind es- Erwartungen und Vorstellungen ändern sich je nach Situation, spezifischen Erfahrungen und Fähigkeiten. Situationen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Vorschüler weiß, dass er Vorschüler ist. Kann er aber nicht, sich wie ein Vorschüler benehmen. Nicht sofort. Nicht so schnell wie wir erwarten. Älterer Bruder weiß, dass er Geschwister hat, aber er weiß nicht, was es bedeutet. Er muss es erfahren. Deshalb lohnt es sich, sich selbst und seine eigenen Erwartungen zu beobachten. Auf diese Weise können wir dem Kind helfen bestimmte Situationen verstehen, anstatt bestimmte Verhaltensweisen zu erwarten.

Ein älteres Kind auf die gleiche Weise

Ein sehr anschauliches Beispiel für die Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Erwachsenen und den Möglichkeiten eines Kindes sind 6-jährigen, denen man weniger verzeiht, weil sie bereit groß sind. Selbst die Aussage: „Du bist schon groß, du solltest es wissen“ ist auch eine erwachsene Erwartung. Wenn du erwartest, dass dein Kind etwas weißt, stell erst sicher, dass er es versteht, kann und kommt mit der Situation klar. Wenn er damit nicht klar kommt, schreit er, explodiert, ist emotional oder im Gegenteil – schüchtern und geschlossen.

Von einem 6-jährigen wird erwartet, dass er Schüler werden kann. Ein solches Kind versteht schon viel und man kann ihm vieles erklären. Man soll jedoch immer daran denken, dass ein Kind wird nicht immer sofort wissen, wie es ist ein Schüler zu sein. In vielen Fällen „ein Schüler zu sein“ spricht das Kind einfach nicht an. Es ist nicht toll ein Schüler zu sein. Und das ist ganz normal. Ich möchte gut verstanden werden. Ich meine nicht, dass man keine Erwartungen haben soll. Es wäre ein Kind in der Entwicklung zurückziehen, ohne Platz für weitere Entwicklung. Ich meine, zuerst lernen und erfahren und dann erwarten. Diese lernen ist nix anders als kontinuierliche Wiederholungsübungen, tägliche Spielen und Spaß. Es gibt keinen anderen Weg für ein Kind, Erfahrungen zu sammeln.

Was zu tun ist?

  • Unsere Erwartungen in kleinen Schritten erfüllt werden können (müssen aber nicht). Wenn du deinem Kind etwas beibringen willst, tun es auf der  Ebene des Interesses und der Möglichkeiten des Kindes.
  • Informiere darüber, was dir wichtig ist. Erwarte aber nicht, dass es für ein Kind genauso wichtig wird. Hausaufgaben zu machen ist wichtig, aber es muss nicht der Favorit des Tages sein. Wenn es eine unangenehme Pflicht ist, nennt ihr es so.
  • Lass dem Kind, sogar motivier ihm, seine Erwartungen Auszudrucken. Sie müssen dir nicht gefallen, aber sie sind wichtig.

Hör zu, was das Kind zu sagen hat, auch wenn er es anders sagt, als du erwartet hast.